Eine vertragliche Vereinbarung zwischen zwei tariffähigen Parteien bezeichnet man als Tarifvertrag. Auf Seiten der Arbeitnehmer kann ein Tarifvertrag ausschließlich von einer Gewerkschaft geschlossen werden, auf Arbeitgeberseite ist ein Abschluss sowohl durch einen Arbeitgeberverband als auch durch einen einzelnen Arbeitgeber möglich. Inhaltlich regeln Tarifverträge die Arbeitsbedingungen der betroffenen Arbeitnehmer – also vor allem Gehalt, Arbeitszeiten, Urlaubsregelungen oder Kündigungsbestimmungen.

Für einen Arbeitnehmer stellt sich stets die Frage, ob ein bestimmter Tarifvertrag auf sein Arbeitsverhältnis anwendbar ist. Dabei sind drei Möglichkeiten zu berücksichtigen: Entweder sind sowohl der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer an den Tarifvertrag gebunden, ein Tarifvertrag wurde per Bezugnahmeklausel zum Bestandteil des Arbeitsvertrages gemacht oder der Tarifvertrag wurde für eine spezielle Branche als allgemeinverbindlich erklärt.

Rund 70 % der deutschen Arbeitnehmer sind an einen Tarifvertrag gebunden. Das zeigt seine praktische Relevanz, aber auch die Notwendigkeit, dass zumindest die Grundzüge der rechtlichen Vereinbarung nachvollziehbar sind. Die folgende Übersicht leistet ihren Beitrag zur tarifrechtlichen Aufklärung.

Welche Bedeutung hat der Tarifvertrag im Arbeitsrecht?

Der Vertrag hat eine sehr hohe Bedeutung für das Arbeitsrecht und bildet gemeinsam mit Gesetz und Arbeitsvertrag die dritte Säule der rechtlichen Arbeitswelt. Nachdem er zwischen den Tarifparteien, zumeist bestehend aus Gewerkschaft und Arbeitgeberverband, gilt er für alle Mitglieder der involvierten Parteien gleichermaßen. Der Vorteil besteht somit darin, dass Beschäftigte nicht allein oder in kleinen Zusammenschlüssen für eine Regulierung ihrer Arbeitsbedingungen kämpfen müssen. Ohnehin besteht zwischen dem einzelnen Arbeitnehmer und seinem Arbeitgeber ein Kräfteungleichgewicht. Tarifliche Vereinbarungen stellen ebenso wie die Arbeitsgerichtsbarkeit eine Korrektur der Machtverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt dar. Der Einzelne wird gegen seinen Betrieb kaum etwas erreichen können. Gewerkschaften hingegen bestehen aus einer Vielzahl von Mitgliedern, die ihre gemeinsamen Interessen im Kollektiv vertreten. Um die Arbeit zu unterstützen, und auch bei rechtlichen Auseinandersetzungen zu profitieren, sollte sich jeder Arbeitnehmer auf der einen Seite der für ihn streitenden Gewerkschaft als Mitglied anschließen. Auf der anderen Seite profitiert auch der Arbeitgeber von der Rechtssicherheit, die durch das kollektive Arbeitsrecht geschaffen werden. Um die Verhandlungen nicht ausufern zu lassen, werden in den großen Branchen der Wirtschaft, beispielsweise in der Chemie- oder Metallindustrie sogenannte Verbandstarifverträge geschlossen. Sie gelten für den gesamten Wirtschaftszweig gleichermaßen. Die gesetzliche Grundlage für den Abschluss von Kollektivverträgen ist in Artikel 9 GG (Grundgesetz) normiert. Die Tarifautonomie besagt, dass die Verhandlungen inter pares und ohne staatliche Einflussnahme geführt werden sollen. Wird hingegen ein Vertrag mit einem einzelnen Arbeitgeber abgeschlossen, handelt es sich um einen Firmen- bzw. Haustarifvertrag.

Die Vorteile der Vertragsparteien in einer Übersicht:

Sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber haben tarifliche Verträge eine Vielzahl von wichtigen Vorteilen. Sie nehmen am Verhandlungstisch eine prägnante Rolle ein. Sie wirken zwischen den Parteien unmittelbar und ergänzen damit insbesondere die individualvertraglichen Vereinbarungen. Für den Staat hat die kollektive Auseinandersetzung den Vorteil, dass er sich in den Wirtschaftskreislauf nicht einmischen muss. Lediglich im Falle einer rechtlichen Auseinandersetzung versucht er mit staatlichen Institutionen zu schlichten.

Für den Arbeitgeber hat die Vereinbarung Vorteile,
weil er sich nicht mit jedem einzelnen Arbeitnehmer über die individualvertraglichen Inhalte des Arbeitsvertrages auseinandersetzen muss, was ihm letztlich viel Zeit erspart,

  • weil er die ausgehandelten Lohnkosten als Fixkosten in seiner betriebswirtschaftlichen Kalkulation verrechnen kann, sodass er nicht für jeden Beschäftigten eine gesonderte Kalkulation erstellen muss,
  • weil er sich darauf verlassen kann, dass sein Unternehmen während der Verhandlungsphase nicht bestreikt werden darf (Friedenszeit) und
  • weil er von den einheitlichen Arbeitsbedingungen profitiert, insbesondere unter wettbewerbsrechtlichen Gesichtspunkten.

Der Arbeitnehmer profitiert hingegen von den Vereinbarungen,

  • weil er im Kollektiv bessere Verhandlungschancen genießt und damit vor allem vor Konkurrenzsituationen anderer Unternehmen geschützt wird,
  • weil er ein Mitspracherecht hat, um die Arbeitsbedingungen festzulegen,
  • weil die Verträge über einen bestimmten Zeitraum geschlossen werden, sodass die Bedingungen nach Auslauf neu verhandelt werden können, wodurch insbesondere auf steigende Lebenshaltungskosten angemessen reagiert werden kann und
  • weil er dennoch vor überraschenden Anpassungen des Arbeitsvertrages aufgrund der festgelegten Laufzeit geschützt wird.

Zuletzt bieten die Vereinbarungen eine erste Orientierung für die Gehaltsstruktur innerhalb einer Wirtschaftsbranche. Bewirbt sich der Arbeitnehmer auf eine Position in einem Unternehmen, sind Gehaltsverhandlungen die Regel, nicht die Ausnahme. Daher ist es sehr wichtig, seinen „Marktwert“ genau zu kennen. Werden weitere Qualifikationen erfüllt, kann vom Kollektivvertrag mit entsprechender Begründung nach oben abgewichen werden.

Fazit: Tarifverträge sind in der Arbeitswelt ein unerlässliches Instrument, um die gegenseitigen Rechte und Pflichten zwischen Arbeitgebern sowie Arbeitnehmern zu regulieren. Sie schaffen Rechtssicherheit, damit sowohl die Beschäftigten als auch die Unternehmensführer zukunftssicher planen können. In der Gruppe wird die Position des Einzelnen deutlich gestärkt, sodass beide Seiten starken Einfluss auf die Ausarbeitung der vertraglichen Bedingungen ausüben können.

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